Erich-Mendelsohn-Preis 2026 | News

Warum Erich Mendelsohn heute noch relevant ist

Welche Bedeutung hat Erich Mendelsohn für die Architektur der Gegenwart? Dieser Frage widmete sich David Fishman in seinem Grußwort zur Preisverleihung des Erich-Mendelsohn-Preises 2026 für Backstein-Architektur am 4. September in Berlin. Fishman arbeitet derzeit an einer Biografie über Erich Mendelsohn. In seiner Rede zeigt er anhand von Leben und Werk, warum Mendelsohns Haltung zur Architektur bis heute aktuell ist. Wir veröffentlichen das Grußwort hier in deutscher Übersetzung.

Der Autor und Architekturhistoriker David Fishman hielt anlässlich der Preisverleihung des Erich-Mendelsohn-Preises 2026 einen Impulsvortrag zur Bedeutung Mendelsohns für die Gegenwart.

Guten Abend. Zunächst möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich auf Englisch fortfahre. Und zweitens verspreche ich, mich kurz zu fassen, denn ich kann sehr gut nachvollziehen, wie gespannt und aufgeregt all die hochverdienten Finalistinnen und Finalisten sein müssen.

Ich arbeite derzeit an einer Biografie über Erich Mendelsohn, und vor etwa einem Monat habe ich einige Zeit im Mendelsohn-Archiv verbracht, das sich in Richard Meiers bemerkenswertem Getty Center in Los Angeles befindet. Dort hörte ich eine seltene Tonaufnahme eines Vortrags, den Mendelsohn im März 1953 vor Architekturstudierenden der University of Oklahoma hielt – nur sechs Monate bevor er im Alter von 66 Jahren an Krebs starb.

Dabei musste ich an die heutige Preisverleihung denken. Und da diese Auszeichnungen Mendelsohns Namen tragen, schien mir dies ein guter Anlass, die Frage zu stellen: Warum ist Mendelsohn heute noch relevant? Warum ist er wichtig? Was können wir innerhalb der Architekturwelt – und darüber hinaus – aus seinem Leben und seinem Werk lernen?

Der Einsteinturm in Potsdam machte Mendelsohn Anfang der 1920er-Jahre über Nacht berühmt.

All dies zeugt von der Bedeutung, der anhaltenden Vitalität und der fortdauernden Aktualität seines Werks. Doch jenseits seines architektonischen Einflusses stellt sich die Frage: Was können wir noch aus seinem Leben und Werk lernen?

Mendelsohn hatte den – offenbar wohlverdienten – Ruf, außerordentlich hohe Ansprüche zu stellen und seinen Idealen nahezu bedingungslos verpflichtet zu sein. Bei jener Veranstaltung an der Architekturschule in Oklahoma im Jahr 1953 sagte er zu den Studierenden, und ich zitiere:

„Viele von Ihnen, die hier sitzen, besitzen weit größere Talente als ich. Aber nur wenige von Ihnen werden ihr Potenzial zur Größe ausschöpfen, denn Sie werden sehr schnell lernen, Kompromisse einzugehen.“

Das „Mossehaus“ (1923) für das Berliner Tagesblatt ist ein weiteres Beispiel für Mendelsohns expressionistische Bauten seiner Anfangszeit.

Das ist ein Maß an Kontrolle, bei dem vermutlich selbst manche Architektin und mancher Architekt kurz innehalten würde.

Doch wie bei so vielem an Mendelsohn ist auch dies zwar bezeichnend für sein Wesen und seinen Charakter, aber eben nur ein Teil einer komplizierteren und vielschichtigeren Geschichte.

Während des Baus des Einsteinturms etwa war Mendelsohn gezwungen, erhebliche Kompromisse einzugehen. Die starke Zementrationierung nach dem Ersten Weltkrieg machte es unmöglich, das Gebäude wie ursprünglich vorgesehen vollständig aus Stahlbeton zu errichten. Deshalb musste er eine Hybridkonstruktion aus Backstein – da ist dieses Material wieder – mit Putzüberzug entwickeln.

Der WOGA-Komplex (1931) am Lehniner Platz in Berlin ist ein städtebauliches Bauensemble, das ein Kino (heute Schaubühne), Wohnungen und einen Tennisplatz umfasst.

Er meldete sich sogar freiwillig zum Nachtdienst, damit er in der Ruhe dieser Stunden an seinen Entwürfen arbeiten und, wiederum in Mendelsohns Worten, seiner „nächtlichen Andacht an die Architektur“ nachgehen konnte. Die revolutionären Formen des Einsteinturms gehen auf jene Zeit in den Schützengräben zurück.

Der italienische Architekt und Historiker Bruno Zevi hat vielleicht das größtmögliche Kompliment dafür formuliert, als er schrieb, dass „eine der sichersten Methoden, Architekt zu werden, darin besteht, diese Skizzen zu studieren“.Erschwert wurde all dies zusätzlich durch Mendelsohns außerordentlich schlechtes Sehvermögen und seine erkrankten Augen. 1921 verlor er im Alter von nur 34 Jahren sein linkes Auge durch Krebs – gerade als seine Karriere ihren kometenhaften Aufstieg begann. Es genügt wohl zu sagen, dass er nur drei Tage nach diesem lebensverändernden Eingriff bereits wieder im Büro war.

Die Doppelvilla am Karolingerplatz in Berlin-Westend (Karolingerplatz 5 & 5A) wurde in den Jahren 1921–1922

Nach seiner Ankunft in Amsterdam traf Mendelsohn zufällig einen Bekannten, einen bekannten Bauunternehmer, der ihn fragte: „Was machen Sie denn hier?“

Mendelsohn griff mit großer Geste in seine Jackentasche, holte seinen besonders weichen 6B-Zeichenstift hervor und erklärte: 

„Sehen Sie, ich habe mein Büro verlegt.“

An einem der schrecklichsten Tage seines Lebens bewahrte der erstaunlich widerstandsfähige Mendelsohn seinen Humor, seinen Glauben an sich selbst und einen beinahe unvorstellbaren Optimismus.

Darin liegt, wie ich finde, eine eindrucksvolle Lehre für uns alle.

 

 

David Fishman (links) hielt seinen Vortrag vor ca. 150 Gästen aus der Architekturbranche. Im Bild (v.l.n.r.): seine Ehefrau Stephanie Salomon, Jórunn Ragnarsdóttir, Ernst Buchow und Udo von Frydag.